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Geistlicher Einwurf: Das Kirchenrecht und die Reform der Kirche

"Ihr seid auf das Fundament der Apostel gebaut", diese Worte aus dem Epheserbrief (2,20) kommen mir in den Sinn, wenn ich das Evangelium dieses Sonntags (Lesejahr B - 3. Sonntag im Jahreskreis) betrachte. Jesus beruft seine ersten Jünger Andreas, Simon Petrus, Jakobus und Johannes (vgl. Mk 1,14-20). Die Nennung weiterer Jünger, die wir auch Apostel nennen, wird an anderer Stelle fortgesetzt.

Inzwischen ergänzt die Reihe der Apostel ein weiblicher Name: Maria von Magdala. Papst Franziskus entschied sich zu einem längst fälligen reformfreudigen Entschluss. Denn zur Gipfelerfahrung eines Apostels gehört etwas Unverzichtbares: ein Apostel muss Zeuge des Auferstandenen sein (vgl. Apg 1,22). Maria von Magdala machte diese Erfahrung (Joh 20,11-18). "Apostola Apostolorum - Apostelin aller Apostel" - so der vom Heiligen Vater verliehene Ehrentitel für die treue Begleiterin Jesu.

Es gibt Gläubige, die bekamen bisher von der Erweiterung der Reihe der Apostel noch gar nichts mit. Überhaupt gibt es Gläubige, die Veränderungen in der Kirche gar nicht wollen oder zum Scheitern verurteilt sehen. Das betrifft auch den 'Synodalen Weg', der sich versteht als ein Weg innerkirchlicher Reformen. Von einer aktuellen Freiburger Online-Tagung ist zu hören, der Herrschaftsanspruch der römischen Kirchenleitung mache es unmöglich, die Kirche weiterzuentwickeln. Ein Theologe des Kirchenrechts findet es daher verantwortungslos, falsche Erwartungen zu wecken hinsichtlich reformorientierter Beschlüsse zur Sexualmoral, zum Zölibat, zur Machtverteilung und zur Priesterweihe von Frauen. Zudem erinnert er, dass es einen 'Synodalen Weg' im Kirchenrecht gar nicht gäbe, es sei also nur eine 'Erfindung'.

Mit diesen trostlosen Gedanken stelle ich mir vor, der Sohn Gottes formuliert vor seinem öffentlichen Wirken erst einmal ein klar detailliertes Kirchenrecht, bevor er das Reich Gottes verkündet und zur Umkehr aufruft. Schließlich muss alles seine römische Ordnung haben.

"Ihr seid auf das Fundament der Apostel gebaut", heißt es dagegen tröstlich. Am Anfang steht nicht das Kirchenrecht, im Fokus des Glaubens steht zunächst auch nicht Rom. Der Glaube an Jesus Christus beginnt in Jerusalem. Am Anfang steht der Glaube an den Auferstandenen - "Der Schlussstein ist Christus Jesus selbst", heißt es weiter im Epheserbrief (2,20).

Nichts bleibt also beim Alten. Christus Jesus setzt neues Leben frei. Mit dem Glauben an das eigentlich Unfassbare eröffnet sich für Maria von Magdala sowie allen anderen Aposteln ein neuer Lebenshorizont. Auch wenn es Zeit braucht, Veränderungen im Geiste Jesu sind nicht aufzuhalten. Mit allen Reformfreudigen der Kirche lassen auch wir uns davon berühren.

 

Wolfgang Guttmann, Pfr. i. R. - Diözesanpräses

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