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Predigtwortlaut: Lucia Justenhoven

Lucia Justenhoven: Geistliche Begleiterin kfd-Diözesanverband Hamburg

Predigt gehalten am: Mo., 17. Mai 2021 - Gedenktag Apostelin Junia

Eucharistiefeier: St. Ansgar und St. Bernherd - Kleiner Michel - Hamburg

 

„Habt Mut!“ – welch eine Zusage haben wir soeben im Evangelium gehört!!

Eine Zumutung? Oh ja – doch im Sinne von „Mut zu!“  Unsere Lebenswelt ist bedrängt; durch die Ausbeutung der natürlichen Lebensgrundlagen steht sie kurz vor dem Kollaps, Corona, soziale Kälte, Hunger, Vertreibung, Terror, Krieg – diese Aufzählung lässt sich unendlich fortführen – dem setzt Christus sein „ABER“ entgegen: „In der Welt seid ihr in Bedrängnis; aber habt Mut: ich habe die Welt besiegt.“

Der Abschnitt aus dem Johannesevangelium gehört zu den Abschiedsreden Jesu – sein Leiden, sein Tod und seine Auferstehung stehen unmittelbar bevor. Er möchte seinen Jüngerinnen und Jüngern (und der Evangelist Johannes meint damit auch uns) noch einmal alles sagen, was ihm wichtig ist – so wie ein guter Trainer beim Finale sein Team kurz vor dem Anpfiff zusammenruft und einschwört auf das, was kommt.

Ehrlich gesagt war auch ich etwas in „Bedrängnis“, als der Bundesverband der kfd mich im letzten Jahr als frischgewählte geistliche Begleiterin des kfd Diözesanverbandes Hamburg anfragte, ob ich nicht beim diesjährigen Predigerinnentag mitmachen wollte. Mir sind die Einschränkungen meiner Kirche, also das, was im wahrsten Sinne des Wortes „eng“ macht, weil es Schranken setzt, wohl bewusst: Die Predigt in einer Eucharistiefeier steht allein dem geweihten Priester oder dem geweihten Diakon zu. So sieht es im Normalfall das Kirchenrecht und erst recht die Instruktion von Papst Johannes Paul II. aus dem Jahr 1997 vor. Immer wieder hatten jedoch in den letzten Jahren Priester – so wie auch heute dankenswerter Weise Pfarrer Wolfgang Guttmann – die Offenheit, in der hl. Messe die Verkündigung und Auslegung des Evangeliums Laientheologen und -theologinnen zu überlassen. Auch deshalb habe ich den Mut gefasst, heute am Tag der Apostelin Junia, hier das Wort zu ergreifen.

Mut und Offenheit sind – so scheint mir – die beiden Schlüsselbegriffe zu den heutigen Lesungen. Das Wort παρῥησία (Offenheit, Freimütigkeit, Unerschrockenheit) begegnet uns sowohl im Text des Evangeliums, als auch in der eben gehörten Lesung aus der Apostelgeschichte. In seiner Abschiedsrede im Johannesevangelium spricht Jesus Klartext mit seinen Jüngern, sie scheinen zu verstehen und sagen: „Siehe, jetzt redest du - παρῥησία: offen“ – in aller Offenheit. Und der Abschnitt aus der Apostelgeschichte endet mit dem Hinweis auf Paulus: „Er ging in die Synagoge und lehrte drei Monate mit παρῥησία: Freimut…“ – in aller Offenheit.

Worum geht es in dieser Rede und Lehre? Es geht um die frohmachende und mutmachende Botschaft, dass das Reich Gottes in der Person Jesu Christi bereits begonnen hat. Und dazu braucht es Menschen, die von Christus begeistert sind, die seine Botschaft verkünden – und zwar nicht nur von der Kanzel, nicht nur in den Kirchen, sondern im ganz alltäglichen Leben.

Angefangen von der ersten Zeugin der Auferstehung Jesu, der Maria von Magdala, haben immer wieder Menschen über Generationen und Generationen hinweg dieses Zeugnis zu ihrem eigenen gemacht. Weil der oder die mir das gesagt hat, glaube ich es, richte mein Leben neu darauf ein und bin auch bereit, es weiter zu erzählen. Wir alle sind solche Zweit- Dritt- oder wieviel auch immer-Zeugen und Zeuginnen. Wir alle haben den Glauben durch das Hören gelernt und erfahren dürfen.

Paulus, der den Glauben und die Verkündigung der „Sache Jesu“ wie wohl kein zweiter zu Beginn des Christentums geprägt hat, ist auch so ein „Zweit-„ oder „Drittzeuge“ – zwar spricht er von seiner Vision als von einer reellen Begegnung mit Christus, die so umwerfend war, dass er buchstäblich vom Pferd fiel. Aber den Glauben gelernt und mehr über diesen Jesus Christus erfahren hat er durch Hananias, der ihn während seiner Blindheit betreute – bis er wieder „sehen“ konnte. Paulus nennt sich selbst „Apostel“ – der Gesandte. Wir denken bei Apostel meist an die direkt durch Jesus Christus berufenen, so wie der Evangelist Lukas ausschließlich den Zwölferkreis um Jesus als Apostel bezeichnet (Ich weiß noch, dass ich im Kommunionunterricht die Namen der Zwölf auswendig lernen musste…). Als Judas quasi „ausfiel“, musst ein neuer in die Runde gewählt werden, um der symbolischen Zahl 12 in Anlehnung an die 12 Stämme Israel Rechnung zu tragen. Das Kriterium war – so hörten wir gestern in der Apostelgeschichte: „einer, der die ganze Zeit mit dabei war, angefangen von der Taufe durch Johannes bis zu dem Tag seiner Aufnahme in den Himmel – er soll mit den anderen Zeuge der Auferstehung sein!“ (Apg 1,22).

Für Paulus ist das Apostelamt darüber hinaus fest verknüpft mit der Verkündigung der frohen Botschaft Jesu. In seinen Briefen lesen wir gleich von mehreren Aposteln und Apostelinnen wie z.B. die Apostelin Junia im Brief an die Römer. Sie war schon vor Paulus zum Glauben gekommen und hat sich zusammen mit ihrem Mann Andronikus als Apostelehepaar für die Verbreitung des Evangeliums eingesetzt: Mit viel Mut, der den beiden ebenso wie Paulus auch Verhaftung und Einkerkerung bescherte. Aus diesem Grund nennt Paulus die Junia und ihren Mann „herausragend unter den Aposteln“. In der orthodoxen Kirche wird die hl. Junia von Beginn an bis heute am 17. Mai verehrt. In der Katholischen Kirche warten wir noch auf einen offiziellen Namenstag. Ab dem 13. Jhdt wurde Junia sozusagen „entfraut“ und ihr Name in einen männlichen „Junias“ geändert. Frei nach dem Motto: Was nicht sein darf, das nicht sein kann! Erst die neue Einheitsübersetzung der Bibel von 2016 hat den ursprünglichen Namen Junia wieder übernommen.

Aber werfen wir noch einmal einen Blick auf die heutige Lesung aus der Apostelgeschichte: Paulus trifft in diesem Abschnitt auf Jünger und sofort ist die Assoziation „Jünger Jesu“ da. Doch Paulus geht der Sache auf den Grund und macht die Zugehörigkeit der Jünger zu Christus an der Gabe des Heiligen Geistes fest. Überraschend genug haben diese Jünger noch nicht einmal etwas von einem Heiligen Geist gehört! Es stellt sich heraus, dass diese Jünger mit der sogenannten Taufe des Johannes getauft sind, die als Umkehrtaufe verstanden wird und anscheinend weiterhin in der Zeit der frühen Kirche praktiziert wird – paralell zu der Taufe auf den Namen Jesu! Diese Johannestaufe schließt noch nicht das Bekenntnis des Glaubens an Jesus Christus ein; den Glauben an den, in dem Gott Mensch geworden ist.

Mit der Taufe auf den Namen Jesu wird jedoch der Wille bekundet, zu diesem Christus zu gehören (daher der Name Christen). Im Namen eines anderen zu handeln und zu leben heißt, dies in seinem Geist zu tun und deshalb ist die Gabe des Heiligen Geistes ein Kennzeichen des Christsein. Nun wird in unserem Abschnitt nicht gesagt, dass Paulus persönlich die Johannesjünger tauft, aber er legt den frisch Getauften die Hände auf, damit sie den Heiligen Geist empfangen. Da haben wir es wieder – es braucht also doch den offiziellen Vertreter der Kirche, damit hier alles ordnungsgemäß vorgeht. Oder? Ich denke: nein! Viele andere Stellen im NT sprechen davon, dass Petrus und Paulus und die anderen „Säulen“ der frühen Kirche selbst überrascht davon waren, dass der Geist sich durchaus auch ganz von allein zeigt. Sogar ohne die Taufe! Und: sie erkennen es an!

Vielleicht ist das einer der gravierenden Unterschiede zu unserer heutigen Kirche. Mir scheint, es fehlt den Leitenden unserer Kirche der Mut sich überraschen zu lassen, aus welchen Ecken der hl. Geist tatsächlich weht und die Menschen zusammen führt. Denn so schreibt Paulus in seinem Brief an die Galater: „Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht männlich und weiblich; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus.“ (Gal 3,27).

Wenn die Kirche ab dem 2. Jahrhundert n.Chr. den Weg der damaligen gesellschaftlichen Veränderung mitgegangen ist, in der Frauen Stück für Stück aus der aktiven und öffentlichen Rolle herausgedrängt wurden, so ist es heute an der Zeit, sich von überholten geschichtlichen und gesellschaftlichen Idealen zu trennen und sich auf den Geist der Freiheit der frühen Kirche zur Zeit des Paulus zu besinnen. In unserer Gesellschaft hier in Deutschland ist die Gleichstellung der Frau in vielen Teilen bereits auf einen guten Weg – in der katholischen  Kirche dagegen wird sie noch schmerzlich vermisst. Ich wünsche mir eine Kirche, ich wünsche mir von meiner Kirche, dass sie nicht nur in dieser Frage mutig vorangeht.

Wie war das noch mit diesem großartigen Zuspruch Jesu? „In der Welt seid ihr in Bedrängnis, aber: Habt Mut! Ich habe die Welt besiegt. Pfingsten steht unmittelbar bevor, das Fest, an dem die ersten Christen zum ersten Mal offen und mutig von ihrem Glauben erzählt haben. Ich wünsche mir auch heute eine Kirche, die durch ihre Regeln Menschen nicht einengt und damit Bedrängnis schafft, sondern eine offene und eine mutige Kirche, die wirklich Zeugnis ablegt von der Botschaft eines Gottes, der befreit. Eine Kirche, in der wir im Geist Jesu Christi diese Freiheit auch leben können. Amen!

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